„Ich bin ein Prototyp“ Interview in der Zeitschrift „Giaß di´“ vom Oktober 2017

„Es muss einfach nicht sein, dass Frauen mit der Geburt eines Kindes einen Karriereknick erleiden“, sagt Brigitte Abrell. Und sie muss es schließlich wissen, denn sie spricht aus Erfahrung. Seit zwölf Jahren ist sie Teilzeit-Chefin der Memminger Geschäftsstelle der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). Und beweist damit, dass es funktionieren kann: Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Doch Abrell wollte ihre persönlichen Erfahrungen mit anderen teilen. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel „Führen in Teilzeit“.

Als Brigitte Abrell im Januar 2003 die Leitung der DAK-Geschäftsstelle übernahm, war ihr Sohn Simon noch nicht auf der Welt. „Bald darauf habe ich erfahren, dass ich schwanger bin“, erzählt sie. Ihr Arbeitgeber habe erst mal ganz schön geschluckt. Doch die gebürtige Memmingerin wollte den Posten, den sie sich hart erarbeitet hatte, nicht aufgeben. Sie überlegte sich, wie es funktionieren könnte und sprach mit ihren Vorgesetzten. Abrell blieb ein halbes Jahr daheim, dann begann sie wieder zu arbeiten. In ihrem „alten“ Job, als  Führungskraft. Bis der Kleine ein Jahr alt war, arbeitete sie 60 Prozent. Seither 80 Prozent, auf vier Tage in der Woche verteilt. „Bei der DAK bin ich ein Prototyp“, lacht die alleinerziehende Mutter. Selbstverständlich funktioniere dies grundsätzlich nur, wenn die oberste Leitung eines Unternehmens aufgeschlossen für Neues sei und gewillt, die Frauen in ihrem Anliegen zu unterstützen.

„Führen in Teilzeit“ ist für Abrell inzwischen mehr als eine persönliche Erfahrung. Denn so lautet auch der Titel des Buchs, das sie zu diesem Thema verfasst hat. Als Abrell wieder zu arbeiten begann, habe sie selbst nach Tipps und Ratschlägen gesucht – doch ohne Erfolg. „Ich dachte mir, das kann doch gar nicht sein, dass ich eine solche Exotin bin!“ Doch Literatur dazu habe sie keine gefunden. So nahm sie die Sache eben selbst in die Hand, recherchierte und führte Interviews. „Sogar mein Buch habe ich in ‚Teilzeit‘ geschrieben. Meist an den Wochenenden, als Simon bei seinem Papa war“, erzählt die DAK-Chefin. Nach drei Jahren war es dann soweit: „Führen in Teilzeit“ erscheint im Juni 2015 im Wirtschaftsverlag Springer Gabler. Brigitte Abrell ist es ein Anliegen, mit alten Vorurteilen – Familie und Beruf seien nicht zu vereinbaren – aufzuräumen. „Ich kenne dieses Thema in Theorie und Praxis, eben weil ich die vergangenen zwölf Jahre danach gelebt habe“, sagt Abrell. So viele gut ausgebildete Frauen wie heutztutage habe es noch nie gegeben. „Es muss verhindert werden, dass dieses Potential einfach verloren geht.“ Gleichzeitig wollten auch viele Männer nicht mehr auf die Rolle des Ernährers einer Familie beschränkt sein. „Sie möchten Zeit für ihre Kinder haben.“

Seit letztem Jahr ist Brigitte Abrell auch als zertifizierter Businesscoach tätig, hält Vorträge und berät Firmen und Verwaltungen bei der Einführung von alternativen Arbeitsmodellen für Leitungspositionen. „Das ist auch das, was ich in Zukunft machen möchte“, sagt Abrell. „Zukunft“ heißt in ihrem Fall so viel wie „Vorruhestand“. Ruhiger wird es jedoch auch dann ganz gewiss nicht, denn die rührige Geschäftsleiterin hat bereits jetzt schon viele Pläne im Kopf, was sie mit 58 Jahren dann alles machen wird. Erst vor kurzem gab sie verschiedene Workshops in Hamburg – und das, obwohl sie im Norden eigentlich gerade ihren Urlaub verbrachte. Doch für die Power-Frau ist „Führen in Teilzeit“ eine Herzensangelegenheit. „Ich möchte mich dann, nach Lust und Liebe, ganz meinem Thema widmen!“

Text und Foto: Stephanie Hengeler-Zapp

 

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